Affenpocken
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LoslegenSynonym: Mpox
Englisch: monkeypox
Definition
Als Affenpocken bezeichnet man eine Infektionskrankheit aus der Gruppe der Zoonosen, die durch das Affenpockenvirus (MPXV) verursacht wird und beim Menschen eine pockenähnliche Symptomatik auslöst.
Nomenklatur
Erreger
Das Affenpockenvirus (veraltet: Orthopoxvirus simiae) ist ein behülltes, doppelsträngiges DNA-Virus (dsDNA-Virus) aus der Gattung Orthopoxvirus.
Übertragung
Die Erkrankung kann sowohl von Tier zu Mensch als auch von Mensch zu Mensch übertragen werden. Für die Übertragung von Mensch zu Mensch sind Kontaktinfektion, Schmierinfektion und Tröpfcheninfektion relevant. Da das Virus auch im Sperma nachgewiesen werden kann, ist sehr wahrscheinlich auch eine Infektion durch Sexualkontakte möglich.[2] Möglicherweise stellt der männliche Reproduktionstrakt dabei ein Virusreservoir dar.[2]
Eintrittspforten des Virus sind in der Regel Schleimhäute (Mund, Auge, Nase, Genitalien, Anus), kleine Verletzungen der Haut sowie möglicherweise der Respirationstrakt.
Darüber hinaus kann das Virus während der Schwangerschaft durch vertikale Übertragung auf den Fötus übertragen werden. Außerdem können Kinder peri- oder postnatal durch Hautkontakt von ihren Eltern infiziert werden.[3]
Zur Zeit (8/2022) ist noch unklar, ob es bereits zu einer Übertragung kommen kann, bevor Symptome auftreten. Da Affenpockenviren in anorektalen Abstrichen asymptomatischer Patienten gefunden wurden, ist eine derartige Übertragung jedoch nicht auszuschließen.[4]
Die Infektion von Tier zu Mensch findet über die Atemwege als Tröpfcheninfektion (Kontakt mit Speichel oder abgesonderten Sekreten von Tieren), verletzte Haut (Bisse) oder Verzehr von infiziertem Affenfleisch statt.
Epidemiologie
Die Affenpocken wurden erstmals 1958 bei Laboraffen entdeckt, im Jahr 1970 wurde die erste Infektion beim Menschen dokumentiert.
Bis zum weltweiten Ausbruchsgeschehen im Mai 2022 ereigneten sich die meisten Infektionen mit dem Affenpockenvirus in Ländern Zentral- und Westafrikas.
Aktueller Stand
Aktuell (22.08.2022) ist der Stand der Erkrankung wie folgt:[5]
| Region | Erkrankungsfälle* | Todesfälle* |
|---|---|---|
| USA | 15.432 | 0 |
| Deutschland | 3.295 | 0 |
| Österreich | 217 | 0 |
| Schweiz | 416 | 0 |
| Global | 42.954 | 12 |
* Dokumentierte Fälle seit dem 01.01.2022
Symptome
Die Inkubationszeit beträgt 5 bis 21 Tage. Das 4-tägige Prodromalstadium umfasst unspezifische Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Arthralgien, Myalgien und seltener (30 % der Fälle) unproduktiven Husten. Nach weiteren 1-3 Tagen kommt es zum Auftreten eines Exanthems, das meist im Gesicht beginnt. Danach breitet sich das Exanthem zentrifugal über den Rumpf und die Extremitäten aus. In etwa 3/4 der Fälle sind die Handflächen und Fußsohlen befallen, in etwa 2/3 der Fälle die Mundhöhle, bei einem 1/3 der Genitalbereich und in etwa 20% der Fälle die Augen.[6]
Als Primäreffloreszenzen sieht man flache Makeln, die sich rasch zu kleinen Knoten und dann zu Vesikeln entwickeln, die mit klarer, seröser Flüssigkeit gefüllt sind (Stadium vesiculosum). Aus den Vesikeln entstehen eitrige Pusteln mit zentraler Eindellung. Diese können konfluieren und nach dem Aufplatzen Krusten bilden, die nach 12-14 Tagen von selbst abfallen und typischerweise zunächst helle, später dunkel pigmentierte Narben hinterlassen. Die Anzahl der Effloreszenzen ist interindividuell sehr unterschiedlich – sie kann von einer einzelnen Läsion bis hin zu Hunderten von eng gruppierten Pusteln reichen.
Typisch für die Affenpocken ist die ausgeprägte Lymphadenopathie (vor allem der Hals- und Leistenregion). Bei nicht pockengeimpften Personen können zusätzlich Laryngitis, Tonsillitis und Konjunktivitis auftreten. Die Infektion mit dem Affenpockenvirus hinterlässt eine dauerhafte Immunität. Es besteht eine Kreuzimmunität mit dem Variola-Virus.
Komplikationen
Zu den Komplikationen der Affenpocken zählen bakterielle Sekundärinfektionen, Hautnekrosen, Pneumonie, Sepsis, Enzephalitis und ein Hornhautbefall mit möglicher Erblindung.[6]
Risikogruppen
Bei Patienten mit Immundefekten oder unter medikamentöser Immunsuppression können wie bei anderen Virusinfektionen schwerere Verläufe auftreten. Weitere Risikogruppen sind möglicherweise Schwangere, Kinder unter 8 Jahren sowie Patienten mit atopischer Dermatitis oder Ekzemen.[7]
Schwangerschaft
Die Datenlage zu möglichen Auswirkungen der Affenpocken auf die Schwangerschaft ist gering. Aus einzelnen Fallbeobachtungen lässt sich ableiten, dass es im Rahmen von maternalen Infektionen zu Fehlgeburten, Frühgeburten oder Totgeburten kommen kann.[8]
Diagnostik
Die Diagnose kann bei voll entwickeltem Krankheitsbild und entsprechender Anamnese (Kontakt zu anderem Erkrankten) meist schon klinisch gestellt werden.
Klinische Untersuchung
- Inspektion des gesamten Integuments
- Inspektion der Mundhöhle und des Rachenraums
- Palpation der Lymphknotenstationen (submandibulär, zervikal, axillär, inguinal)
Direkter Erregernachweis
Zur Bestätigung werden Pockenschorf, Abstriche des Pockensekrets oder Rachenspülflüssigkeit herangezogen. Der Standardnachweis erfolgt mittels PCR. Ersatzweise kann das Virus auch in der Zellkultur angezüchtet werden (Dauer 3-5 Tage). Diese Nachweismethode wird jedoch nur in Ausnahmefällen eingesetzt.
Aufgrund der typischen Virusmorphologie ist auch ein elektronenmikroskopischer Nachweis möglich, der allerdings keine Differenzierung der Spezies ermöglicht.
Indirekter Erregernachweis
Ein indirekter Erregernachweis ist über die Bestimmung virusspezfischer IgM- und IgG-Antikörper mittels ELISA möglich.
Patientennahe Diagnostik
Zum vorläufigen Screening können ebenfalls Affenpocken-Schnelltests zum direkten und oder indirekten Virusnachweis eingesetzt werden. Derzeit (08/2022) sind zwar Tests für medizinisches Fachpersonal verfügbar, es existiert aber noch keine offizielle Stellungnahme oder Empfehlung zu deren Nutzung seitens des RKI.
Differentialdiagnosen
Therapie
Zurzeit (08/2022) existiert keine spezifische medikamentöse Therapie für Affenpocken. Eine antivirale Therapie ist mit dem für Pockenerkrankungen zugelassenen Wirkstoff Tecovirimat möglich. Insbesondere bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für schwere Verläufe – z.B. bei Immunsuppression – kann die Anwendung des Wirkstoffes sinnvoll sein.[9]
Andere Virostatika, die gegen DNA-Viren wirken, z.B. Cidofovir oder Brincidofovir, können ggf. off label eingesetzt werden.
Eine weitere Therapieoption ist die passive Immunisierung durch Gabe von humanem Vaccinia-Immunglobulin (VIGIV).
Ansonsten erfolgt die Therapie überwiegend symptomatisch (Bettruhe, Fiebersenkung). Superinfektionen sollen antibiotisch behandelt werden.
Prophylaxe
Beim Umgang mit Erkrankten sind vom medizinischen Personal die üblichen Hygienemaßnahmen wie bei anderen Virusinfektionen zu ergreifen. Dazu zählt die persönliche Schutzausrüstung mit Handschuhen, Schutzbrille und Atemschutzmaske.
Da die Hautveränderungen eine hohe Viruskonzentration aufweisen, sollte ein direkter Hautkontakt unbedingt vermieden werden. Bereits ein einfaches Abdecken vermindert jedoch das Infektionssrisiko.
Impfung
Zur Zeit (2022) gibt es keinen spezifischen Imfpstoff gegen Affenpocken. Es besteht jedoch die Möglichkeit, einen Pockenimpfstoff (z.B. Imvanex®) gegen Variola-Viren einzusetzen, da eine Kreuzimmunität besteht. Der entsprechende Impfstoff ist seit Juli 2022 in der EU zur Prophylaxe von Affenpocken zugelassen. Die Wirksamkeit der Impfung wird mit etwa 85 % angegeben.
Eine Postexpositionsprophylaxe mit dem Impfstoff ist innerhalb von 1-14 Tagen nach Exposition möglich. Erfolgt die Impfung innerhalb von 1-4 Tagen, kann eine mögliche Erkrankung verhindert werden. Wird sie innerhalb von 4-14 Tagen gegeben, kann man den Krankheitsverlauf noch positiv beeinflussen, eine Infektion aber nicht mehr verhindern.
Isolation
Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt eine Isolation von Infizierten bis zum Abfall der Krusten, aber mindestens von 21 Tagen. Für enge Kontakte wird eine Quarantäne von 21 Tagen empfohlen.
Prognose
Podcast
Quellen
- ↑ WHO. WHO recommends new name for monkeypox disease abgerufen am 29.11.2022
- ↑ 2,0 2,1 Lapa D et al.: Monkeypox virus isolation from a semen sample collected in the early phase of infection in a patient with prolonged seminal viral shedding. Lancet Infectious Diseases. doi:10.1016/S1473-3099(22)00513-8. PMID 35931095. S2CID 251289584, abgerufen am 12.8.2022
- ↑ 3,0 3,1 RKI - Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Affenpocken, abgerufen am 15.08.2022
- ↑ Valentine Marie Ferré, Antoine Bachelard, Meryem Zaidi et al.: Detection of Monkeypox Virus in Anorectal Swabs From Asymptomatic Men Who Have Sex With Men in a Sexually Transmitted Infection Screening Program in Paris, France. Annals of Internal Medicine 16.8.2022 https://doi.org/10.7326/M22-2183
- ↑ CDC. 2022 Monkeypox Outbreak Global Map, abgerufen zum im Text angegebenen Zeitpunkt
- ↑ 6,0 6,1 WHO Factsheet – Monkeypox. World Health Organization. 19 May 2022, abgerufen am 12.8.2022
- ↑ Monkeypox Clinician FAQs, Center for Disease Control updated August 11, 2022, abgerufen am 19.8.2022
- ↑ Khalil A et al.: Monkeypox vaccines in pregnancy: lessons must be learned from COVID-19 Lancet Glob Health. 2022 Sep; 10(9): e1230–e1231. Published online 2022 Jun 27. doi: 10.1016/S2214-109X(22)00284-4 PMCID: PMC9236565 PMID: 35772413
- ↑ CDC: Monkeypox – Treatment abgerufen am 16.08.2022
Bildquellen
Bildquelle Podcast: ©cottonbro / Pexels