Tractus spinothalamicus anterior
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LoslegenSynonym: Dejerine-Bündel (obsolet)
Englisch: anterior spinothalamic tract
Definition
Der Tractus spinothalamicus anterior ist eine aufsteigende Faserbahn des Vorderseitenstrangs (Funiculus anterolateralis) des Rückenmarks. Er vermittelt gering diskriminierende Tast- und langsame, dumpfe Schmerzeindrücke.
Neuroanatomie
Topographie
Der Tractus spinothalamicus anterior liegt ventral des Vorderhorns (Cornu anterius) der grauen Substanz innerhalb der Substantia alba und bildet zusammen mit den sich lateral anschließenden Tractus spinoreticularis und Tractus spinotectalis das anterolaterale System.
Funktion
Während der größere Tractus spinothalamicus lateralis eher Schmerz- und Temperaturafferenzen leitet, vermittelt der Tractus spinothalamicus anterior v.a. gering diskriminierende Tast- und Schmerzeindrücke (protopathische Sensibilität).
Verlauf
An den Strangzellen des Rückenmarks, die diese Bahn bilden, terminieren v.a. Primärafferenzen aus der Haut, den Gelenken und Muskeln sowie aus den Eingeweiden. Die peripheren Rezeptoren sind freie Nervenendigungen (Nozizeptoren, Thermorezeptoren und thermische Nozizeptoren). Teilweise stammen die Impulse auch aus Ruffini-Körperchen oder Merkel-Zellen. Die Rezeptoren sind dabei mit Typ-III- und IV-Fasern assoziiert.
Die Perikarya der pseudounipolaren Neurone erster Ordnung sitzen in den Spinalganglien. Die Perikarya der Strangzellen (Neurone zweiter Ordnung) befinden sich in allen Schichten des Rückenmarks, insbesondere in den Laminae I bis III. Dabei erhält eine Strangzelle mehrere Kollateralen von Primärafferenzen (Konvergenz). Auch eine Zwischenschaltung von Interneuronen ist möglich. Des Weiteren modulieren absteigende Fasern aus supraspinalen Zentren die glutamaterge Aktivität der Strangzellen.
Die von den Strangzellen ausgedehenden, dünnen myelinisierten Axone kreuzen in demselben Segment oder einige Segmente höher über die Commissura alba anterior nach kontralateral und bilden den Tractus spinothalamicus anterior. Er steigt ohne weitere Umschaltung zum Thalamus auf und schließt sich dabei dem Lemniscus medialis an. Der Tractus endet an Neuronen dritter Ordnung im Nucleus ventralis posterolateralis sowie in weiteren Kerngebieten (ventrales Pulvinar, Zona incerta) oder in Gebieten des Hirnstamms. Entsprechend projiziert nur ein Teil der Fasern nach Umschaltung im Thalamus auf den somatosensorischen Kortex.
Der schnelle, scharfe Schmerz wird in der Lamina I verschaltet und verläuft v.a. im Tractus spinothalamicus lateralis und erreicht den Gyrus postcentralis und die Formatio reticularis. Der langsame, dumpfe Schmerz hingegen wird in den Laminae II und III auf Interneurone umgeschaltet, die in Lamina V auf Strangzellen projizieren. Deren Axone verlaufen im Tractus spinothalamicus anterior und enden v.a. in der Formatio reticularis, im Tectum mesencephali und in der Substantia grisea centralis.
Klinik
Eine isolierte Läsion des Tractus spinothalamicus anterior ist selten. Eine Schädigung des gesamten Tractus spinothalamicus z.B. beim Brown-Séquard-Syndrom führt unterhalb der Läsion zu einem kontralateralen Verlust des Schmerz- und Temperaturempfindens bei erhaltenem Berührungsempfinden (dissoziative Sensibilitätsstörung). Eine bilaterale Manifestation findet man z.B. bei einer Syringomyelie durch Läsion der Commissura alba anterior sowie bei einem Arteria-spinalis-anterior-Syndrom.
Der Tractus spinothalamicus kann auch im Rahmen von Hirnstammsyndromen betroffen sein. Dabei treten jedoch auch weitere Symptome auf (z.B. Horner-Syndrom, Hirnnervenparesen).
Literatur
- Al-Chalabi M et al. Neuroanatomy, Spinothalamic Tract, StatPearls. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2020, abgeufen am 25.05.2020