Posttraumatische Belastungsstörung
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Synonym: Traumafolgestörung
Englisch: posttraumatic stress disorder, PTSD
Definition
Die posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, kann nach kurz- oder langdauernden, außergewöhnlich bedrohlichen bzw. katastrophalen Ereignissen oder Situationen entstehen.[1] Hierzu zählen beispielsweise das Erleben körperlicher oder seelischer Gewalt, Katastrophen oder die Diagnose einer schweren Erkrankung.
Hintergrund
Bei einer PTBS muss die betroffene Person nicht selbst das Opfer gewesen sein. Auch bei Augenzeugen oder professionellen Helfern kann ein schwerwiegendes Ereignis eine posttraumatische Belastungsstörung zur Folge haben.
Betroffene erleben häufig Hilflosigkeit und Angst. Sie haben keine Möglichkeit der Einflussnahme und fühlen sich der Situation ausgeliefert.
Ätiologie und Risikofaktoren
Die Entstehung einer PTBS ist multifaktoriell bedingt. Neben Art und Schwere des Traumas spielen individuelle Risiko- und Schutzfaktoren eine wichtige Rolle. Zu den Risikofaktoren zählen vorbestehende psychische Erkrankungen, frühere Traumatisierungen, weibliches Geschlecht und fehlende soziale Unterstützung. Schutzfaktoren umfassen stabile soziale Beziehungen, gute Bewältigungsstrategien und Resilienz. Neurobiologisch kommt es zu Veränderungen in der Stressverarbeitung, insbesondere im Hippocampus, der Amygdala und dem präfrontalen Kortex.
Symptome
Nach ICD-11 umfasst die PTBS drei Kernsymptomgruppen: Wiedererleben des Traumas in der Gegenwart, Vermeidung traumabezogener Gedanken und ein anhaltendes Gefühl gegenwärtiger Bedrohung.[2] Zusätzlich können depressive Störungen, Dissoziationen oder somatoforme Symptome auftreten.
- Wiedererleben des Traumas in der Gegenwart (Intrusion): Dies kann beispielsweise in Form von Flashbacks, Tag- oder Alpträumen auftreten. Das traumatisierende Ereignis drängt sich in der Erinnerung immer wieder unkontrollierbar auf. Die Reaktionen auf diese Erinnerung können denen beim traumatisierenden Ereignis sehr ähnlich sein.
- Vermeidung traumabezogener Gedanken, Erinnerungen und Situationen: Betroffene vermeiden Situationen, die sie an das Trauma erinnern könnten, und zeigen ein intensives Vermeidungsverhalten. Beispielsweise kann jemand, der einen Flugzeugabsturz überlebt hat, später die Nähe eines Flughafens meiden.
- Anhaltendes Gefühl gegenwärtiger Bedrohung: Hierzu gehören Schlafstörungen, Reizbarkeit, eine erhöhte Vigilanz, Konzentrationsstörungen und eine unverhältnismäßige Schreckhaftigkeit. Im Kindesalter kann es zu Aggressionen kommen.
Die Symptome beginnen häufig unmittelbar oder innerhalb eines Monats nach dem Trauma. Ein verzögerter Beginn ist möglich.[3]
Epidemiologie
Die Prävalenz variiert erheblich nach Traumaart, Population und Diagnoseverfahren. Global wird die Lebenszeitprävalenz auf 3,9 % geschätzt.[4]
Diagnostik
Nach ICD-11 müssen die Symptome mindestens mehrere Wochen bestehen und erhebliche Beeinträchtigungen verursachen. Die Diagnostik soll durch ein strukturiertes Interview oder ein validiertes Selbstberichtsinstrument unterstützt werden.[5]
Im Zentrum der Diagnostik steht ein ausführliches Gespräch. Zusätzlich kann ein standardisierter Fragebogen genutzt werden. Das Gespräch kann für Betroffene belastend sein, da sie das Trauma häufig vermeiden. Ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Therapeut ist daher unerlässlich. Das Gespräch kann außerdem zu einer vorübergehenden Symptomverschlechterung führen.
Differenzialdiagnostisch sollen insbesondere depressive Störungen, Angststörungen, dissoziative Störungen und substanzbezogene Störungen berücksichtigt werden. Zudem ist abzuklären, ob psychische Beschwerden bereits vor dem belastenden Ereignis bestanden.
Komorbiditäten
In der Folge einer posttraumatischen Belastungsstörung können weitere psychische Störungen auftreten. Dazu zählen vor allem affektive Störungen und Abhängigkeitserkrankungen. Weitere Komorbiditäten können somatoforme Störungen sowie Angst- oder Persönlichkeitsstörungen sein. Auch die Suizidgefahr ist nicht zu unterschätzen.
Therapie
Erstmaßnahmen
Nach Sicherung vor weiterer Traumatisierung soll primär eine traumafokussierte Psychotherapie angeboten werden. Eine generell notwendige vorgeschaltete Stabilisierungsphase liegt bei Erwachsenen mit PTBS nicht vor. EMDR gehört zu den traumafokussierten Verfahren mit robuster Wirksamkeitsevidenz.[6]
Bei einer akuten Krisensituation sollen weitere Traumatisierungen verhindert sowie Sicherheit und psychosoziale Unterstützung gewährleistet werden.
Folgetherapie
Zu den traumafokussierten Verfahren zählen EMDR und die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Die Auswahl des Verfahrens orientiert sich an Symptomatik, Komorbiditäten und Präferenzen der betroffenen Person.
Antidepressiva können bei ausgeprägten komorbiden depressiven oder Angststörungen erwogen werden. Sie ersetzen keine traumafokussierte Psychotherapie und sollen nicht pauschal zur Prävention von PTBS-Symptomen eingesetzt werden.
Prognose
Der Verlauf ist variabel: Eine vollständige Remission ist möglich, während ein Teil der Erkrankungen chronisch verläuft. Evidenzbasierte traumafokussierte Psychotherapien können die Symptomatik deutlich reduzieren.[7]
Quellen
- ↑ ICD-10-GM Version 2026, F43.1 Posttraumatische Belastungsstörung, abgerufen am 07.09.2026
- ↑ Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders, abgerufen am 07.09.2026
- ↑ WHO: Post-traumatic stress disorder, abgerufen am 07.09.2026
- ↑ Schincariol et al., Posttraumatic stress disorder (PTSD) prevalence: an umbrella review, Psychol Med, 2024
- ↑ Maercker et al., ICD-11 Prevalence Rates of Posttraumatic Stress Disorder and Complex Posttraumatic Stress Disorder in a German Nationwide Sample, J Nerv Ment Dis, 2018
- ↑ S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung, Version 7.0, Stand 27.02.2026, abgerufen am 07.09.2026
- ↑ Mavranezouli et al., Psychological treatments for post-traumatic stress disorder in adults: a network meta-analysis, Psychol Med, 2020